[Teil 1 gibt es hier]

„Synchronisiere mit Netzwerk, hinkt 7 Wochen hinterher“. Mein altes Handy versucht immer noch, wieder Anschluss an die Bitcoin-Gemeinde zu bekommen. Das kann dauern. In der Zwischenzeit will ich endlich erklären, warum ich meine Meinung über Bitcoins geändert habe. Vor einem Jahr noch hielt ich Bitcoins für eine nette anarchistische Spielerei, eine willkommene Herausforderung für das bräsige Geld-Establishment, vielleicht eine ausgefeiltere Variante eines Tauschrings, auf jeden Fall für irgendwie cool und selbstgebacken und alternativ. Ein witziger Programmcode gegen „die da oben“ und für die Freiheit der einfachen Geldnutzer und noch dazu von einem Unbekannten entwickelt. Und wenn man damit im Notfall sogar noch die richtige Handfeuerwaffe oder die Droge der Wahl bekommt – warum nicht. Das war natürlich eine sehr oberflächliche Sichtweise, aber alles, was nur ein wenig an der seltsamen Selbstverständlichkeit unseres herrschenden Geldsystems rüttelt, ist bedenkenswert, fand ich damals.

Finde ich immer noch, aber: Bitcoins sind weder cool noch – in den allermeisten Fällen – selbstgebacken. Die meisten Bitcoin-Besitzer kaufen ihre Bitcoins mit dem bösen Fiatgeld der Notenbanken. (Weil ihnen das Mining schlicht zu aufwendig ist.)

Schon gar nicht aber sind Bitcoins „alternativ“ im Sinne von „mal was Neues wagen“. Sie sind klassisches Hortgeld, eine Art Goldwährung mit äußerst geringen Transaktionskosten zwar, aber genauso ein „barbarisches Relikt“ wie das Edelmetall. Im besten Fall sind sie eine hochspekulative Geldanlage mit dem nicht wirklich verdienten Ruf, anonym und unbeschattet von staatlicher Neugier zu sein. Auch wenn die meisten Bitcoin-Enthusiasten es abstreiten würden: Bitcoins sind vor allem eins – Angstgeld. Sie suggerieren Schutz vor … ja, vor was eigentlich? Vor der ständig lauernden Hyperinflation? Vor den verschwörerischen Zentralbanken? Vor dem gierigen Staat und seiner Enteignungspolitik? Vor dem unvermeidbaren Zusammenbruch der Zivilisation?  Egal, was passiert, mit den Bitcoins bleibt für immer mein, was mein ist. Solange in den Trümmern des Gemeinwesens wenigstens noch ein paar Rechner funktionieren. Das Paradoxe daran: die erfolgreichste peer-to-peer-Währung der Gegenwart ist ihrem Wesen nach vor allem eine antisoziale Währung, eine Ego-Währung. Es ist vielleicht das erste Mal in der Geschichte, dass Ebenezer Scrooge als Anarchist auftreten kann und trotzdem unbekehrt bleibt.

Zugegeben: Bitcoins lösen ein Problem der Geldschöpfung – die Selbstbindung des Emittenten – elegant durch einen Algorithmus, der die Geldmenge transparent für alle und für alle Zeit deckelt. Aber ist das wirklich unser größtes Problem? Müssen wir tatsächlich so krampfhaft Knappheit mit unserem Geld imitieren, in einer Welt, in der Knappheit vielleicht gar nicht das ganz große Problem ist?

Obwohl ich immer noch mit Bitcoins herumspiele und einen schönen Gewinn machen würde, wenn ich sie jetzt verkaufe, hoffe ich sehr, dass Bitcoins in ihrer gegenwärtigen Form nicht das Letzte sind, was uns beim Thema Geld einfällt. Warum ich meine Bitcoins aber trotzdem nicht verkaufe, wird in Teil 3 verraten.