[Teil 1 gibt es hier und Teil 2 hier]

Es gab da einige Verzögerungen, nicht nur beim Retten meiner Bitcoin-Krümel, sondern auch mit der Fortsetzung dieser kleinen Serie. Sorry! Das lag unter anderem daran. Aber jetzt will ich endlich erklären, warum ich meine Bitcoins (noch) nicht verkaufe, obwohl sie immer noch unsinnig viel wert sind und ich diesen ganzen Bitcoin-Hype inzwischen für einen großen Irrtum halte. Und ich will endlich auch das Rätsel um diesen kryptischen Titel („Im Schatten der Keule“) auflösen. Doch der Reihe nach, deshalb zunächst die wichtigste Frage: Wozu brauche ich eigentlich Bitcoins (oder irgendeine der anderen privaten Digitalwährungen)? Die Antwort: Ich brauche sie nicht. Genauso wenig wie ich Gold (oder Murmeln) brauche, um einkaufen zu gehen oder andere Geldgeschäfte zu erledigen. Und die meisten anderen Menschen in entwickelten Volkswirtschaften brauchen das Zeug auch nicht. Niemand braucht Bitcoins – noch nicht einmal die Mafia oder die Terroristen (das wäre denen viel zu heikel).

Ich kann die Argumente schon hören, mit denen Bitcoin-Enthusiasten nun an den Start gehen werden: „Bitcoins sind unabhängig von politischer Einflussnahme und dieser ganzen Zentralbank-Verschwörung“, „Bitcoin-Zahlungen haben sehr viel geringere Transaktionskosten“, „Bitcoins sind das neue Gold“, „Bitcoins werden unser Finanzsystem revolutionieren“ und so weiter…

Alle diese Argumente tragen – und das ist das Fatale! – ein Körnchen Wahrheit in sich. Aber natürlich könnte jeder sehr schnell erkennen, wie mikroskopisch klein diese Wahrheit ist. Nur mal so zum Weiterdenken: Wie lange wird wohl eine Gemeinschaft von Bitcoin-Nutzern verhindern bzw. darauf verzichten können, dass „die böse Politik“ Regeln für das Bitcoin-Spiel festlegt? Wie niedrig können Transaktionskosten einer Währung sein, in der jede Zahlung protokolliert wird? Und während man mit Gold zumindest noch Kauwerkzeuge reparieren oder Hälse, Arme und Finger schmücken kann, sind Bitcoins tatsächlich nur noch „knappgehaltenes Nichts“. Bliebe das Argument mit der Revolution des Finanzsystems. Bei Revolutionen aber, zumindest in meinem Verständnis, müsste sich doch etwas grundlegend ändern, Machtverhältnisse zum Beispiel, oder das Spiel selbst. Aber genau das kann und wird mit Bitcoins so nicht passieren. Wir haben mit Bitcoins nur eine weitere Spielwiese für unsere Marktreligion. Einige wenige werden dabei reicher werden – und der Rest wird es nicht verstehen oder es für ein Naturgesetz halten. Revolution? Wenn das eine Revolution ist, dann können sich die Goldman Sachs-Männer und -Frauen auch für die Sozialistische Internationale halten.

Es geht hier aber eben nicht um Rationalität derart, dass immer mehr Menschen die Vorteile der einen oder anderen Kryptowährung erkennen und sich dann nach reiflicher Überlegung für eine entscheiden. Es geht bei Bitcoins (wie übrigens bei sehr vielen monetären Themen) um Glaubensentscheidungen. Manche würden auch sagen: Beim Geld offenbart sich die Ideologie, mit der wir unser Zusammenleben organisieren. Und bei Bitcoins – zumindest wie sie bisher gestrickt sind – ist diese Ideologie die gleiche, die Menschen auch Goldmünzen verbuddeln oder nach dem letzten Zipfel Rendite hecheln oder vom grenzenlosen Wirken des Marktes träumen lässt. Und diese Ideologie ist – trotz aller Anfeindungen und Kritik der vergangenen Jahre – immer noch mehrheitsfähig. Bitcoins sind das erste wirklich globale Spielgeld unserer Marktreligion.

Genau deshalb verkaufe ich meine Bitcoin-Krümel auch (noch) nicht: Bitcoins passen leider im Moment zu gut zu uns. Sie befriedigen unseren Hyper-Individualismus („total unabhängig von der bösen Politik sein“), ohne wirklich den Status Quo zu gefährden. Sie ermöglichen mit ihrem genialen Algorithmus tatsächlich den schnellen und beweissicheren Transfer von Zahlungen, weltweit, vom kleinsten Micropayment bis zur Millionen-Verschiebung, und das für jeden, der eine Buchstaben-Ziffern-Folge auf ein Papier kritzeln oder in den Computer tippen kann. (Im Grunde muss man das auch nicht können – das erledigt im Zweifel die Smartphone-App.)

Bitcoins bieten eine weitere Spielwiese für unser oberstes Lebensprinzip, und noch dazu mit der Illusion, wir könnten uns da weitestgehend unbeobachtet austoben. In Wirklichkeit aber werden wir auch mit Bitcoins weiter nur im Schatten der alten staatlichen Keule unsere finanziellen Spielchen spielen, weil nur so das Überleben dieser Währung gesichert ist. Keule und Kult werden sich arrangieren, so wie sie es immer getan haben. Die technisch-mathematische Eleganz, mit der Bitcoins das Vertrauensproblem in einem Netzwerk lösen, sollte einen da nicht blenden: Wer sich von Bitcoins eine Art monetärer Befreiung erhofft, wird enttäuscht werden. Wer dagegen nur erwartet, dass der goldene Käfig mit Bitcoins etwas größer aussieht, wird sich freuen können: Zahlungen werden billiger und einfacher und sicherer, Banken und Gebührenschinder à la Western Union haben eine Existenzberechtigung weniger, und der Welthandel mag um ein paar Promille wachsen. Aber das war’s dann auch. Mehr Revolution ist da nicht.

Das kann man nun bedauern oder gut finden. Ich jedenfalls gehe davon aus, dass sich Bitcoins als globales Zahlungssystem durchsetzen werden, ob man sie nun „Währung“ nennt oder nicht. Eine andere Entwicklung wäre mir zwar lieber – mehr dazu in einem späteren Posting -, aber sobald die Netzwerkeffekte der Bitcoin-Währung zu deutlich erkennbar werden, wird es wohl kein Halten mehr geben. Und auch der letzte Discounter wird zum Einkauf mit Bitcoin-Wallet laden. Bis dahin behalte ich meine Bitcoin-Krümel – und dann kann ich damit ganz, ganz, ganz viel einkaufen.

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