Am 24. März ist die „Rindvieh-Ökonomie“ im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Und weil man ja nicht die Kuh im Sack kaufen soll, hat man mir jetzt vom Verlag noch vier Fragen zum Buch gestellt, die ich hier beantworte:

Ihr Buch hat den Titel „Rindvieh-Ökonomie“. Gleich zu Beginn berichten Sie von einem Erlebnis bei den Massai, die mit Rindern zahlen und handeln. Was genau hat dieses Rinder-Wirtschaftssystem mit uns Europäern zu tun?

Nicht viel. Es geht mir auch nicht darum, irgendwelche Formen des Wirtschaftens zu vergleichen oder die Vorzüge der Tauschökonomie zu preisen, zumal die Massai sehr wohl auch mit Geld umgehen. Ich erzähle das Beispiel von den Massai nur, weil es bei uns angeblich rationalen Zeitgenossen wahrscheinlich diese Reaktion auslöst: „Mensch, wie irrational und ungerecht geht das denn bei denen zu!“ Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die ökonomischen Regeln der Massai sind relativ klar und verständlich – wir dagegen leben in ökonomischer Hinsicht fast komplett im Nebel, und dies obwohl wir so viel Buhei um die Wirtschaft machen. Unsere Laiboni – die weisen Männer und Frauen – nennen sich Finanzexperten, Wirtschaftsweise oder Ökonomie-Professoren, hinzu kommen die Journalisten, Politiker und Unternehmenslenker, gelegentlich auch die Kapitalismuskritiker. Bei so viel geballter Weisheit müssten doch zum Beispiel zwei einfache Fragen leicht zu beantworten sein: Was ist eigentlich Geld? Und was ist eigentlich Kapital? Schließlich dreht sich doch in unseren modernen Volkswirtschaften sehr viel darum. Aber stellen Sie diese Fragen mal ernsthaft – dann wird es richtig lustig!

Sie vertreten die These, dass unsere Gesellschaft den Glauben an die Wirtschaft verliert. Was genau ist damit gemeint?

Zunächst mal: Solange es Knappheit gibt, werden sich die Menschen auch wirtschaftlich betätigen. Sie werden produzieren, ihre Arbeit anbieten und auf Märkten handeln, sie werden sparen und investieren und auf Gewinne hoffen. Damit das aber für alle funktioniert und Sinn macht – und nicht nur für ein paar wenige -, braucht es Glaubensüberzeugungen, zum Beispiel die, dass wir auch in Zukunft immer genügend Knappheit haben beziehungsweise erzeugen können. Was aber passiert, wenn das nicht mehr stimmt oder zumindest nicht mehr in dem Maße stimmt, wie wir das alle bisher geglaubt haben? Wenn also jene menschlichen Bedürfnisse, die man über Märkte befriedigen kann, halt doch nicht so unersättlich sind, wie immer unterstellt. Dann haben wir nicht nur ein Problem, sondern gleich mehrere. Die Frage nämlich, wer wie viel bei uns vom Kuchen (oder Braten) bekommt, haben wir bisher immer mit der Frage verknüpft, was jeder jeweils zur marktvermittelten Beseitigung der Knappheit beigetragen hat. Das verstehen die meisten von uns noch unter Gerechtigkeit. Je knapper aber die Knappheit wird, desto instabiler ist ein solches Verteilungsarrangement. Das merken immer mehr Menschen und schauen deshalb wieder genauer hin, wer was warum bekommt. Manche nennen das jetzt „Neiddebatte“, aber im Grunde gleichen wir nur die Wirklichkeit mit dem Ideal einer meritokratischen Marktwirtschaft ab und stellen verwundert fest: He, das stimmt ja so gar nicht mit der Leistungsgerechtigkeit. Da entscheiden selbst in Marktwirtschaften noch ganz andere Kriterien darüber, wer wie viel bekommt. Das ist ernüchternd, aber meiner Ansicht nach auch befreiend.

Möchten Sie Verbesserungsmöglichkeiten für unser Wirtschaftssystem vorschlagen, oder geht es Ihnen darum, dass man sich bestmöglich auf den Verlust des Glaubens an das Geld vorbereiten soll?

Vor allem geht es mir darum, ein paar Lockerungsübungen zu machen, selbst auf die Gefahr hin, dass man das alles für naiv, unwissenschaftlich oder gefährlich hält. Nehmen Sie die Finanzkrise: Da hat sich bei uns in Deutschland die Überzeugung verfestigt, dass die böse Europäische Zentralbank mit ihrer Niedrigzinspolitik unsere Spargroschen entwertet und unsere Altersvorsorge in Frage stellt. Was aber, wenn unsere Spargroschen ganz einfach deshalb so mickrig abschneiden, weil sie niemand mehr braucht, rentierliche Geldanlagen in der Realwirtschaft immer seltener werden und die EZB nur versucht, das Schlimmste zu verhindern? Das mag man hierzulande nicht hören, genauso wenig wie den Hinweis, dass nicht alle Länder gleichzeitig einen Leistungsbilanzüberschuss wie Deutschland erwirtschaften können. Das geht einfach nicht. Stattdessen machen wir aus einem systemischen Problem ein moralisches, fordern Opfer und Sparsamkeit, ziehen Verschuldungsgrenzen ein und wettern „gegen die Gier der Wall Street“. Das passt alles nicht zusammen. Und wenn sich dann unsere Altersvorsorge trotz oder gerade wegen dieser Überzeugungen in Luft auflöst, werden wir Sündenböcke suchen und im schlimmsten Fall Köpfe einschlagen. Das war immer so, wenn der eigene Glaube an neuen Umweltzuständen scheitert. Das Paradoxe daran ist: Das muss eigentlich gar nicht sein – wir sind reicher als es je eine Generation vor uns war. Es gibt zum Beispiel keine Notwendigkeit, dass wir Griechenland arm sparen müssten, außer unserem Glauben, dass Schulden immer zurückgezahlt werden müssen und Eigentum heilig ist.

Wenn sich unsere Glaubensüberzeugungen über die Wirtschaft ändern müssen, woher können Alternativen kommen?

Ich habe da keine Präferenzen und bin selbst eher ein vorsichtiger Typ, einer, der erst mal abwartet, bevor er seinen alten Glaubensüberzeugungen abschwört. Es gibt ja schon genügend ketzerische Ideen, alte und neue, die einzelne Aspekte unseres ökonomischen Glaubenssystems in Frage stellen, das Bedingungslose Grundeinkommen zum Beispiel, das Vollgeld oder die vielen Regalmeter wachstumskritischer Literatur. Man kann sich auch von den Anhängern des Freigeldes inspirieren lassen oder den alten Marx lesen. Eines sollte man aber nicht erwarten: Dass man ein Glaubenssystem einfach mit ein paar häretischen Ideen über Nacht verändern kann. Erst muss eine kritische Anzahl von Menschen am alten Glauben zweifeln. Der Weg dahin verläuft aber nicht schmerzfrei. Und weil wir eben Schmerz vermeiden wollen, suchen wir zunächst in der Regel lieber Schuldige als dass wir unsere eigenen Glaubensüberzeugungen ändern. Deshalb sind wir ja im Grunde auch dankbar, dass es gierige Manager gibt und fiese neoliberale Turbokapitalismus-Zocker.

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Weitere Informationen zum Buch gibt es hier.