In der Marktwirtschaft kriegt jeder, was er verdient. Glauben wir. Haben wir zumindest mal gehofft. Doch der alte Glaube trägt nicht mehr. Inzwischen herrscht eher große Ratlosigkeit. Und immer mehr Menschen fragen sich: Wer bestimmt eigentlich, wie groß mein Anteil am Braten ausfällt? Unabänderliche Marktgesetze? Oder ein merkwürdiges Arrangement der Mächtigen? In diesem Buch erfahren Sie, warum das alles mit Ihrem Glauben zu tun hat – selbst wenn Sie Atheist sind. Sie werden erkennen, was unser Tagesgeldkonto mit dem Weltfrieden zu tun hat. Wieso es  die Hölle sein wird, wenn wir uns nicht mehr sorgen müssen. Warum Eigentum Priester braucht. Warum der Kapitalismus gerade so etwas wie eine Säkularisierungskrise durchmacht. Und natürlich warum Franz Beckenbauer bei Ajatollah Chomeini unterschrieben hat.
[Und wer immer noch nicht weiß, um was es in dem Buch geht, kann hier mal gucken]

LESEPROBE

“Dafür haben wir kein Geld”

Kinder lassen sich nur sehr schwer bekehren, wenn ihnen die eigene Anschauung im Weg steht. So ist es – wie alle Eltern bestätigen können – ein mühsames Unterfangen, ihnen nur ansatzweise die Basis allen Wirtschaftens einzuimpfen: die Knappheit der Güter und die schreckliche Unersättlichkeit der menschlichen Bedürfnisse.

“Ich will ein Überraschungsei, Papa!”

“Nein, gibt es nicht.”

(entrüstet): “Stimmt gar nicht! Du lügst! Im Laden gibt’s ganz viele…”

“Die kosten Geld.”

“Du hast doch Geld.”

“Aber nicht so viel, dass ich alles kaufen kann. Und ich muss dafür arbeiten.”

“Warum?”

(genervt): “Weil man Sachen halt nicht umsonst bekommt.”

“Warum?”

“Weil die Leute, die die Eier machen, auch was haben wollen. Deshalb machen sie ja die Eier. Weil sie unser Geld wollen. Und jetzt Schluss. Es gibt keine Überraschungseier.”

(wütend): “Du bist echt gemein! Ich lad’ dich nicht zu meinem Geburtstag ein!”

Es ist klar, wer hier die vernünftige Position vertritt. Oder? Wir leben schließlich nicht in einem Schlaraffenland, wo überall Überraschungseier (oder all die anderen lebensnotwendigen Güter) herumliegen und man die eigenen Bedürfnisse nach Belieben befriedigen könnte. Knappheit ist unser Begleiter seit Menschen Gedenken, sie ist die Ursünde, von der wir nur durch eigene Werke befreit werden können und auch das nur auf Zeit. Ohne Knappheit macht Ökonomie keinen Sinn. Die Furcht vor Knappheit treibt uns an, sie lässt uns Vorräte anlegen, Riesterverträge unterschreiben oder Gold bunkern. Gleichzeitig wagen wir kaum, ernsthaft darüber nachzudenken, was wir alles noch haben wollen/sollten/könnten. Denn eines ist klar: “Es ist (immer) zu wenig da.”

Aber stimmt das wirklich? Könnte es sein, dass Kinder besser durchschauen, dass es sich hier inzwischen vor allem um ein gesellschaftliches Arrangement, ein Glaubenssystem handelt – und nicht mehr allein um eine Beschreibung der Wirklichkeit? Sind ökonomische Knappheit und menschliche Unersättlichkeit tatsächlich Axiome, die auch noch heute und in den nächsten 100 Jahren unser Handeln bestimmen müssen? There is no such thing as a free Überraschungsei – gilt das wirklich immer? Und können wir tatsächlich nie genug bekommen an Eiern und Handys und Privatreisen zum Mond? Mögen die Experten und Autoritäten der Wirtschaft auch wanken, das Wachstumspostulat in der Öffentlichkeit an Attraktivität eingebüßt haben: Glaubenswahrheit Nummer drei – Knappheit und Unersättlichkeit – wird die Mehrheit von uns heute noch vehement verteidigen, selbst wenn wir vor lauter Effizienzgewinnen ertrinken in Gütern, die keiner mehr braucht. Die Lösung des Knappheitsproblem, der alten Menschheitsgeißel – wir erleben sie vor allem als Krise. Als Absatzkrise, als fehlende Nachfrage. Und denen, die wirklich noch mit echter Knappheit konfrontiert sind, fehlen die Mittel um an der marktvermittelten Verteilung des Ziegenbratens teilhaben zu können. Ökonomische Knappheit und angebliche menschliche Unersättlichkeit erweisen sich so vor allem als Disziplinierungsmittel in einem Verteilungskampf, der so gar nicht geführt werden müsste: Schnallt den Gürtel enger, strengt euch an – es gibt nichts umsonst. Wir machen lieber aus einem systemischen Problem ein moralisches. Wir drängeln und gängeln Arbeitslose, damit sie schnell wieder auf dem Markt reüssieren. Wir fordern mehr Wettbewerbsfähigkeit von Krisenländern, als ob wir tatsächlich wünschten, dass sie uns einholen sollten auf dem globalen Markt. Und wir starten Kampagnen gegen die Wegwerfkultur bei Lebensmitteln zum Beispiel – und wundern uns, warum sich nichts ändert. Wir verkennen dabei, was tatsächlich auf verschiedenen Teilmärkten geschieht: eine Sättigung auf einem hohen allgemeinen Wohlstandniveau, das noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wäre. Und das weltweit. Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr so viel, was mit Macht über Märkte vermittelt werden müsste. Eine häretische Vorstellung, sicher, aber es gibt einige Indizien, die dafür sprechen.

Wenn in Deutschland jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landen können, ist das zum Beispiel – bei aller moralischer Empörung – zunächst vor allem eine gute Nachricht. Sie zeigt, dass die kapitalistische Maschine liefert. Die Verteilung mag sehr ungleich sein, die Verschwendung unappetitlich. Aber eine Katastrophe wäre es, wenn wir jedes Jahr elf Millionen Tonnen zu wenig Lebensmittel zur Verfügung hätten.

Was würde passieren, wenn wir auf diesem Wohlstandsniveau weniger Furcht vor der Knappheit (und der Zukunft) hätten? Und anfingen, unsere Bedürfnisse realistischer einzuschätzen?

 

Wenn der Kapitalismus tatsächlich so etwas wie eine Religion ist, dann ereilt ihn möglicherweise gerade ein Schicksal, das andere Religionen schon hinter sich haben: die Säkularisierung.

INHALT

Anstelle eines Vorworts: Der Tag, an dem die Ziege starb

Die Gretchenfrage

Das Brutto-Ziegen-Produkt

Glaubenswahrheiten, die uns (noch) schützen

Der Tag, an dem Franz Beckenbauer bei Chomeini unterschrieb

Ein neuer Blick auf alte Debatten

Reformer, Eiferer und die Altgläubigen

Was bedeutet das alles für mich kleines, hilfebedürftiges Menschlein

Ein Abend am Lake Natron

 

Erscheinungstermin: 24. März 2014.

Preis: 19,99 €.

Verlag: Gütersloher Verlagshaus

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