Axel Reimann

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Im Schatten der Keule – Teil 3 der kleinen Bitcoin-Serie

Im Schatten der Keule – Teil 3 der kleinen Bitcoin-Serie

[Teil 1 gibt es hier und Teil 2 hier]

Es gab da einige Verzögerungen, nicht nur beim Retten meiner Bitcoin-Krümel, sondern auch mit der Fortsetzung dieser kleinen Serie. Sorry! Das lag unter anderem daran. Aber jetzt will ich endlich erklären, warum ich meine Bitcoins (noch) nicht verkaufe, obwohl sie immer noch unsinnig viel wert sind und ich diesen ganzen Bitcoin-Hype inzwischen für einen großen Irrtum halte. Und ich will endlich auch das Rätsel um diesen kryptischen Titel („Im Schatten der Keule“) auflösen. Doch der Reihe nach, deshalb zunächst die wichtigste Frage: Wozu brauche ich eigentlich Bitcoins (oder irgendeine der anderen privaten Digitalwährungen)? Die Antwort: Ich brauche sie nicht. Genauso wenig wie ich Gold (oder Murmeln) brauche, um einkaufen zu gehen oder andere Geldgeschäfte zu erledigen. Und die meisten anderen Menschen in entwickelten Volkswirtschaften brauchen das Zeug auch nicht. Niemand braucht Bitcoins – noch nicht einmal die Mafia oder die Terroristen (das wäre denen viel zu heikel).

Ich kann die Argumente schon hören, mit denen Bitcoin-Enthusiasten nun an den Start gehen werden: „Bitcoins sind unabhängig von politischer Einflussnahme und dieser ganzen Zentralbank-Verschwörung“, „Bitcoin-Zahlungen haben sehr viel geringere Transaktionskosten“, „Bitcoins sind das neue Gold“, „Bitcoins werden unser Finanzsystem revolutionieren“ und so weiter…

Alle diese Argumente tragen – und das ist das Fatale! – ein Körnchen Wahrheit in sich. Aber natürlich könnte jeder sehr schnell erkennen, wie mikroskopisch klein diese Wahrheit ist. Nur mal so zum Weiterdenken: Wie lange wird wohl eine Gemeinschaft von Bitcoin-Nutzern verhindern bzw. darauf verzichten können, dass „die böse Politik“ Regeln für das Bitcoin-Spiel festlegt? Wie niedrig können Transaktionskosten einer Währung sein, in der jede Zahlung protokolliert wird? Und während man mit Gold zumindest noch Kauwerkzeuge reparieren oder Hälse, Arme und Finger schmücken kann, sind Bitcoins tatsächlich nur noch „knappgehaltenes Nichts“. Bliebe das Argument mit der Revolution des Finanzsystems. Bei Revolutionen aber, zumindest in meinem Verständnis, müsste sich doch etwas grundlegend ändern, Machtverhältnisse zum Beispiel, oder das Spiel selbst. Aber genau das kann und wird mit Bitcoins so nicht passieren. Wir haben mit Bitcoins nur eine weitere Spielwiese für unsere Marktreligion. Einige wenige werden dabei reicher werden – und der Rest wird es nicht verstehen oder es für ein Naturgesetz halten. Revolution? Wenn das eine Revolution ist, dann können sich die Goldman Sachs-Männer und -Frauen auch für die Sozialistische Internationale halten.

Es geht hier aber eben nicht um Rationalität derart, dass immer mehr Menschen die Vorteile der einen oder anderen Kryptowährung erkennen und sich dann nach reiflicher Überlegung für eine entscheiden. Es geht bei Bitcoins (wie übrigens bei sehr vielen monetären Themen) um Glaubensentscheidungen. Manche würden auch sagen: Beim Geld offenbart sich die Ideologie, mit der wir unser Zusammenleben organisieren. Und bei Bitcoins – zumindest wie sie bisher gestrickt sind – ist diese Ideologie die gleiche, die Menschen auch Goldmünzen verbuddeln oder nach dem letzten Zipfel Rendite hecheln oder vom grenzenlosen Wirken des Marktes träumen lässt. Und diese Ideologie ist – trotz aller Anfeindungen und Kritik der vergangenen Jahre – immer noch mehrheitsfähig. Bitcoins sind das erste wirklich globale Spielgeld unserer Marktreligion.

Genau deshalb verkaufe ich meine Bitcoin-Krümel auch (noch) nicht: Bitcoins passen leider im Moment zu gut zu uns. Sie befriedigen unseren Hyper-Individualismus („total unabhängig von der bösen Politik sein“), ohne wirklich den Status Quo zu gefährden. Sie ermöglichen mit ihrem genialen Algorithmus tatsächlich den schnellen und beweissicheren Transfer von Zahlungen, weltweit, vom kleinsten Micropayment bis zur Millionen-Verschiebung, und das für jeden, der eine Buchstaben-Ziffern-Folge auf ein Papier kritzeln oder in den Computer tippen kann. (Im Grunde muss man das auch nicht können – das erledigt im Zweifel die Smartphone-App.)

Bitcoins bieten eine weitere Spielwiese für unser oberstes Lebensprinzip, und noch dazu mit der Illusion, wir könnten uns da weitestgehend unbeobachtet austoben. In Wirklichkeit aber werden wir auch mit Bitcoins weiter nur im Schatten der alten staatlichen Keule unsere finanziellen Spielchen spielen, weil nur so das Überleben dieser Währung gesichert ist. Keule und Kult werden sich arrangieren, so wie sie es immer getan haben. Die technisch-mathematische Eleganz, mit der Bitcoins das Vertrauensproblem in einem Netzwerk lösen, sollte einen da nicht blenden: Wer sich von Bitcoins eine Art monetärer Befreiung erhofft, wird enttäuscht werden. Wer dagegen nur erwartet, dass der goldene Käfig mit Bitcoins etwas größer aussieht, wird sich freuen können: Zahlungen werden billiger und einfacher und sicherer, Banken und Gebührenschinder à la Western Union haben eine Existenzberechtigung weniger, und der Welthandel mag um ein paar Promille wachsen. Aber das war’s dann auch. Mehr Revolution ist da nicht.

Das kann man nun bedauern oder gut finden. Ich jedenfalls gehe davon aus, dass sich Bitcoins als globales Zahlungssystem durchsetzen werden, ob man sie nun „Währung“ nennt oder nicht. Eine andere Entwicklung wäre mir zwar lieber – mehr dazu in einem späteren Posting -, aber sobald die Netzwerkeffekte der Bitcoin-Währung zu deutlich erkennbar werden, wird es wohl kein Halten mehr geben. Und auch der letzte Discounter wird zum Einkauf mit Bitcoin-Wallet laden. Bis dahin behalte ich meine Bitcoin-Krümel – und dann kann ich damit ganz, ganz, ganz viel einkaufen.

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Im Schatten der Keule – Teil 2 der kleinen Bitcoin-Serie

Im Schatten der Keule – Teil 2 der kleinen Bitcoin-Serie

[Teil 1 gibt es hier]

„Synchronisiere mit Netzwerk, hinkt 7 Wochen hinterher“. Mein altes Handy versucht immer noch, wieder Anschluss an die Bitcoin-Gemeinde zu bekommen. Das kann dauern. In der Zwischenzeit will ich endlich erklären, warum ich meine Meinung über Bitcoins geändert habe. Vor einem Jahr noch hielt ich Bitcoins für eine nette anarchistische Spielerei, eine willkommene Herausforderung für das bräsige Geld-Establishment, vielleicht eine ausgefeiltere Variante eines Tauschrings, auf jeden Fall für irgendwie cool und selbstgebacken und alternativ. Ein witziger Programmcode gegen „die da oben“ und für die Freiheit der einfachen Geldnutzer und noch dazu von einem Unbekannten entwickelt. Und wenn man damit im Notfall sogar noch die richtige Handfeuerwaffe oder die Droge der Wahl bekommt – warum nicht. Das war natürlich eine sehr oberflächliche Sichtweise, aber alles, was nur ein wenig an der seltsamen Selbstverständlichkeit unseres herrschenden Geldsystems rüttelt, ist bedenkenswert, fand ich damals.

Finde ich immer noch, aber: Bitcoins sind weder cool noch – in den allermeisten Fällen – selbstgebacken. Die meisten Bitcoin-Besitzer kaufen ihre Bitcoins mit dem bösen Fiatgeld der Notenbanken. (Weil ihnen das Mining schlicht zu aufwendig ist.)

Schon gar nicht aber sind Bitcoins „alternativ“ im Sinne von „mal was Neues wagen“. Sie sind klassisches Hortgeld, eine Art Goldwährung mit äußerst geringen Transaktionskosten zwar, aber genauso ein „barbarisches Relikt“ wie das Edelmetall. Im besten Fall sind sie eine hochspekulative Geldanlage mit dem nicht wirklich verdienten Ruf, anonym und unbeschattet von staatlicher Neugier zu sein. Auch wenn die meisten Bitcoin-Enthusiasten es abstreiten würden: Bitcoins sind vor allem eins – Angstgeld. Sie suggerieren Schutz vor … ja, vor was eigentlich? Vor der ständig lauernden Hyperinflation? Vor den verschwörerischen Zentralbanken? Vor dem gierigen Staat und seiner Enteignungspolitik? Vor dem unvermeidbaren Zusammenbruch der Zivilisation?  Egal, was passiert, mit den Bitcoins bleibt für immer mein, was mein ist. Solange in den Trümmern des Gemeinwesens wenigstens noch ein paar Rechner funktionieren. Das Paradoxe daran: die erfolgreichste peer-to-peer-Währung der Gegenwart ist ihrem Wesen nach vor allem eine antisoziale Währung, eine Ego-Währung. Es ist vielleicht das erste Mal in der Geschichte, dass Ebenezer Scrooge als Anarchist auftreten kann und trotzdem unbekehrt bleibt.

Zugegeben: Bitcoins lösen ein Problem der Geldschöpfung – die Selbstbindung des Emittenten – elegant durch einen Algorithmus, der die Geldmenge transparent für alle und für alle Zeit deckelt. Aber ist das wirklich unser größtes Problem? Müssen wir tatsächlich so krampfhaft Knappheit mit unserem Geld imitieren, in einer Welt, in der Knappheit vielleicht gar nicht das ganz große Problem ist?

Obwohl ich immer noch mit Bitcoins herumspiele und einen schönen Gewinn machen würde, wenn ich sie jetzt verkaufe, hoffe ich sehr, dass Bitcoins in ihrer gegenwärtigen Form nicht das Letzte sind, was uns beim Thema Geld einfällt. Warum ich meine Bitcoins aber trotzdem nicht verkaufe, wird in Teil 3 verraten.

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Im Schatten der Keule – Teil 1 der kleinen Bitcoin-Serie

Im Schatten der Keule – Teil 1 der kleinen Bitcoin-Serie

Es gibt sicher Sinnvolleres, als noch einen Text über Bitcoins zu schreiben, aber gestern ist mein Handy auf den Fliesenboden gekracht und das Display sieht jetzt aus wie die Werbung für ein Splatter-Movie. Immer wenn ich jetzt telefonieren muss, habe ich danach kleine fiese Glaskrümmel auf den Fingerkuppen. Und wenn ich irgendwelche blöden Tweets wegwischen will oder nur meine Kontaktliste herunterscrollen möchte, mach ich mir dabei fast in die Hosen.
Ich habe mich deshalb zum Kauf eines neuen mobilen Endgeräts entschieden und zur fachkundigen Entsorgung des Altgerätes. Es gibt da nur ein Problem – und jetzt kommen wir zum Thema dieser kleinen Serie: Auf meinem alten Handy schlummert noch ein Zehntel Bitcoin, oder in der offiziellen Schreibweise: 0,1 BTC. Das hätte mich vor einem Jahr, na ja, nicht so richtig gewurmt. Aber im Moment wären das (Stand 3.12.2013) rund 80 Euro, die ich so mit in den Recycling-Müll stecken würde. Möglicherweise schmeiße ich sogar die Chance auf eine kleines Vermögen weg. Ich wäre da ja nicht der erste.

Also habe ich mich entschieden, mein Handy so lange zu nutzen, bis mein Bitcoin-Vermögen auf ein Medium mit höherer Lebenserwartung übertragen ist. Das kann aber aus verschiedenen Gründen noch etwas dauern. (Für die Insider: Ich habe meinen Bitcoin-Client gefühlt nicht mehr seit dem 1. Punischen Krieg mit dem Bitcoin-Netzwerk synchronisiert. Was dazu führt, dasss mein altes Handy voraussichtlich noch ein paar Stunden/Tage (/Wochen?) in Betrieb bleiben muss. Solange bis ich sicher bin, dass kein Krümel Bitcoin mehr auf dem Altgerät ist.)

Während also mein Handyschrott vor mir auf dem Schreibtisch mühsam die Bitcoin-Transaktionsgeschichte der vergangenen Monate verinnerlicht („Synchronisation blockiert, hinkt 25 Wochen hinterher“), nutze ich die Zeit für ein paar grundsätzlichere Überlegungen. Solange bis ich die Kohle eben gerettet habe.

Beim Thema Bitcoins bin ich bisher auf folgende Meinungen gestoßen:

  1. „Bittkeuns – hä?“ (immer noch die Mehrheitsmeinung)
  2. „Geil!“ (Vertreter dieser Haltung sind meist männlich, zwischen 20 und 30, und sprechen als zweite Fremdsprache meist Java oder C++)
  3. „Geil! Endlich Freiheit von der Knechtschaft durch Zentralbanken und Finanzmafia und Inflationspolitikern!“ (Vertreter dieser Haltung sind meist männlich, zwischen 30 und 50, und sprechen als zweite Fremdsprache meist ein stark von der (neueren) österreichischen Ökonomen-Schule beeinflusstes Idiom)
  4. „Ist das nicht irgendwie gefährlich?!“ (Vertreter dieser Haltung schauen auch Fernsehtalkshows an und haben noch eine Tageszeitung abonniert, wählen irgendwas zwischen Schwarzrotgrün und kaufen sowohl bei Lidl als auch auf dem Biomarkt)
  5. „Das ist gefährlich, wir müssen das beobachten.“ (Vertreter dieser Position arbeiten sehr wahrscheinlich beim Bundeskriminalamt oder beim Verbraucherschutz)
  6. „Kinderkram / Freakwährung / Schwachsinn.“ (inzwischen Minderheitsmeinung)
  7. „Früher Tulpen, heute eben dieses Zeug. Nichts als Blasen, Blasen, Blasen“ (sehr wahrscheinlich W3-Professor kurz vor der Emeritierung)
  8. „The small bull case scenario is a $400 billion market cap.“ (Cameron und Tyler Winklevoss, Bitcoin-Großinvestoren)

Und der Vollständigkeit wegen und weil es wahrscheinlich die Denke vieler Ich-spiel-mal-ein-bisschen-Bitcoin-Spekulanten trifft, hier noch – 9. – meine eigene Haltung vom 16.11.2012: „Ich horte lieber meine wenigen Bitcoins – mehr als Wettschein auf ein Experiment mit ungewissem Ausgang denn als Hedge gegen den monetären Weltuntergang. Das Zeug auf meinem Handy wird wahrscheinlich schlicht noch wertvoller.“ (FTD vom 16.11.2012)

Das Zeug ist tatsächlich wertvoller geworden. Und das ist noch eine Untertreibung:

Jetzt könnte ich mich ja freuen, dass ich damals ein glückliches Händchen beim Wetten hatte. Tu‘ ich auch. Aber dann hört es schon auf mit der Freude. Denn Bitcoins und ihre zahlreichen Nachahmer-Währungen machen unsere Welt nicht besser: Sie sind nicht das, was sie versprechen. Sie sind eine Lösung für ein Problem, das es nicht gibt oder das zumindest nicht unser wichtigstes ist („Hyperinflation“ zum Beispiel). Und sie bringen Probleme, die der Lösung unserer eigentlichen Probleme irgendwann gewaltig im Weg stehen könnten. Mehr dazu in Teil 2

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