Axel Reimann

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Einkommen ohne Grund

Foto: Stefan Bohrer [CC0], via Wikimedia Commons

Für Nido habe ich mal vier Menschen gefragt, wie sich das so anfühlt, wenn man ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommt. [Achtung Spoiler: gut, sehr gut]. Aber mal von den Befindlichkeiten abgesehen: Ich schätze mal, in zehn, zwölf Jahren wird das Thema durch sein – weil es dann irgendeine Art von Grundeinkommen geben wird. Nicht aus sozialen Erwägungen, sondern aus ökonomischen. Das wird dann weder das Paradies der Selbstverwirklicher sein, wie manche hoffen, noch der Untergang der Arbeitsmoral, wie andere befürchten.

Was heute noch gegen das Grundeinkommen spricht? Unser irrationaler Blick auf die Wirtschaft. „Naiv ist beim Grundeinkommen nicht die Sache an sich; naiv ist die Hoffnung seiner Befürworter, dass ein so start verankertes Glaubensdogma wie das von der ewigen Knappheit durch etwas Sozialingenieurs-Rumgemache überwunden werden könnte.“ (siehe Rindvieh-Ökonomie, S. 148)

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Pikettys „Capital“ in nur fünf Minuten verstehen

Pikettys „Capital“ in nur fünf Minuten verstehen

Ich hab’s mir heute dann doch gekauft. Obwohl es jetzt alle kaufen oder behaupten, sie würden es gerade lesen: „Capital in the Twenty-First Century“ von Thomas Piketty. Jetzt trennen mich also noch 685 Seiten von einer eigenen Meinung über dieses Werk, von dem viele sagen, das es ziemlich wichtig sei. Extrem wichtig. Meilensteinwegscheidewendepunktwichtig.

Viele haben auch eine Meinung über dieses Buch, obwohl sie es noch nicht gelesen haben. Das ist okay, wenn sie das so offen zugeben wie Megan McArdle. Andererseits fragt man sich dann doch, was der Mehrwert einer solchen journalistischen Antwort auf ein Buch sein kann, wenn die Frage noch gar nicht verstanden wurde. Egal.

Ich werde jedenfalls erst mal ein Fläschchen Wein aus dem Keller holen, ein Kerzlein anzünden und mich mit „Income and Output“ – dem ersten Kapitel – beschäftigen. Eine Befürchtung muss ich aber hier vorher noch loswerden: Es könnte gut sein, dass es dem Buch so geht wie der Occupy-Bewegung – und wenn ich dann endlich nach 685 Seiten eine Meinung über r > g (und die daraus zu ziehenden Konsequenzen) habe, dann wird zwar diesmal nicht mehr das letzte Zelt geräumt, dafür aber verramscht wahrscheinlich die Bundeszentrale für politische Bildung Pikettys Buch für lau. (Wie damals bei Graebers „Schulden“-Buch.) Aber: auch egal. (Muss nur endlich meine Lesegeschwindigkeit an die öffentliche Erregungskurve anpassen, wenn mich das Thema interessiert und ich an der Diskussion teilnehmen will.)

Nicht egal ist mir aber Folgendes: Ich glaube, dass Bücher wie das von Thomas Piketty uns für eine kurze Zeit den Schleier vor den realen Verhältnissen lüften können, mit denen wir uns bisher arrangiert haben. Und das mit den Mitteln der Wissenschaft. Hoffe ich zumindest. Je sachlicher das geschieht, desto besser. Gerade im Ökonomischen leben wir nämlich mit so vielen nur selten hinterfragten Glaubenssätzen, die uns gefangen halten: Da gibt’s ein „Trickle-Down“-Dogma, wegen dem wir akzeptieren, dass einige Menschen Millionen und Milliarden verdienen und sich andere nicht mit ihrem Vollzeitjob ernähren können. Da gibt es ein Geldschöpfung- und Bankensystem, das kaum einer zu hinterfragen wagt, obwohl seine Instabilität und gesellschaftlichen Kosten inzwischen mehr als deutlich wurden. Und es gibt ein Zwangsbekenntnis zu einem Wachstumspostulat, das keiner, der sich diesen Planeten nüchtern anschaut, wirklich unterschreiben kann. Kritik daran gibt es zwar häufiger, aber meist kann man wegen des Schaums vor dem Mund der Neoliberalismus-, Banken-, Wachstums-Kritiker die Argumente nicht mehr verstehen.  (In der „Rindvieh-Ökonomie“ nenne ich diese leidenschaftlichen Kritiker die Ketzer und Flagellanten unseres Wirtschaftssystems; die Verteilungsdebatte beginnt bei mir übrigens mit einem Ziegenbraten…)

Ich gebe es zu: Ich bin die „Böse-Gier“-Diskutanten und „Wir-brauchen-wieder-Werte“-Prediger satt. Bitte keine Values mehr! Von Piketty erhoffe ich mir dagegen vor allem: trockene Logik und belastbare historische Daten über die systemimmanente Ungleichheit. Über die Konsequenzen aus dem enttarnten Verteilungsarrangement können wir uns dann gern eigene Gedanken machen.

Ach ja, eigene Gedanken: die Überschrift hier – „Pikettys ‚Capital‘ in nur 5 Minuten verstehen“ – war natürlich ein fieser Trick, um dich, lieben Leser, hier her zu locken. Sorry. Hab leider kein Capital-Häppchen, muss das Ding ja selber erst verdauen. Also, bitte nicht böse sein: Weinflasche köpfen und selber lesen!

 

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Wasser in den Retsina

Ich hab mich ja kürzlich an anderer Stelle über das Tourismus-Wunder in Griechenland ausgelassen, besser gesagt über den „historischen Leistungsbilanzüberschuss der Griechen“. Was mich aber immer noch umtreibt bei dieser Sache, ist, wie wir uns hier in Deutschland die Wirklichkeit zurechtbiegen:

tagesschau.de: „Vor allem dank des florierenden Tourismus lag dieser 2013 bei 1,24 Milliarden Euro oder 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung.“

sueddeutsche.de: „Griechische Exporte übersteigen erstmals seit 1948 Importe.“ [FALSCH!!]

welt.de: „Tourismus rettet Griechen die Leistungsbilanz.“

Handelsblatt: „Geholfen hat auch, dass die Geldgeber auf die Hälfte ihrer Zinszahlungen verzichtete.“

und so weiter…

Wann gestehen wir uns eigentlich ein, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Wie wäre es zur Abwechslung mit dieser Schlagzeile: „Florierende Kinderarmut, Massenarbeitslosigkeit, Selbstmorde und mangelhafte Gesundheitsversorgung retten Griechen die Leistungsbilanz“ (Stimmt zwar auch nicht, aber näher dran an der Realität einer verarmenden Bevölkerung wäre so eine Zeile schon…)

Nachtrag: Natürlich kommt der Spin vom Tourismus-Wunder auch von griechischer Seite. Aber sollen griechische Regierungsvertreter/Zentralbanker bei einer Erfolgsmeldung wie der vom „historischen Leistungsbilanzüberschuss“ extra betonen, wer wirklich die Zeche dafür bezahlt hat?

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Was schert uns die Wirklichkeit?

Wenn einem das Haus fast zusammenbricht, weil der Architekt das mit der Baustatik einfach nicht wahrhaben will, gibt es zwei Möglichkeiten:
1. der Architekt kriegt keine Aufträge mehr
oder
2. der Architekt nimmt zur Kenntnis, dass die Welt anders funktioniert als er sich das vorgestellt hat.

Wahrscheinlich geschieht sogar beides. Bei Ökonomen ist das anders, wie ein ernüchternder Bericht im Guardian treffend resümiert. Da kann das Haus zusammenbrechen, da können Finanzkrisen heilige Axiome über den Haufen werfen – für die neoklassischen Vertreter der Ökonomenzunft ändert das nichts. (Und für die auf ihren Rat hörenden Regierungen auch nicht).

Why? In a word: denial. The high priests of economics refuse to recognise the world has changed. (Quelle: „Mainstream economics is in denial“ von Aditya Chakrabortty, The Guardian, 29. Oktober 2013)

Das ist jetzt aber nur für denjenigen verwunderlich, der die Rolle der Wirtschaftsexperten mit der von Architekten oder Baustatikern verwechselt. Die Ökonomen haben aber eine ganz andere Funktion.

How do elites remain in charge? If the tale of the economists is any guide, by clearing out the opposition and then blocking their ears to reality. The result is the one we’re all paying for.

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