Axel Reimann

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Jede Zitrone hat eine Bringschuld

From The New York Public Library

Citrus limonium = Citronier limonier. [An enlarged version of lemon with leaves and a half-cul lemon](Courtesy of The New York Public Library)

Der Redebeitrag eines unbekannten Hinterbänklers.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Pikettys „Capital“ in nur fünf Minuten verstehen

Pikettys „Capital“ in nur fünf Minuten verstehen

Ich hab’s mir heute dann doch gekauft. Obwohl es jetzt alle kaufen oder behaupten, sie würden es gerade lesen: „Capital in the Twenty-First Century“ von Thomas Piketty. Jetzt trennen mich also noch 685 Seiten von einer eigenen Meinung über dieses Werk, von dem viele sagen, das es ziemlich wichtig sei. Extrem wichtig. Meilensteinwegscheidewendepunktwichtig.

Viele haben auch eine Meinung über dieses Buch, obwohl sie es noch nicht gelesen haben. Das ist okay, wenn sie das so offen zugeben wie Megan McArdle. Andererseits fragt man sich dann doch, was der Mehrwert einer solchen journalistischen Antwort auf ein Buch sein kann, wenn die Frage noch gar nicht verstanden wurde. Egal.

Ich werde jedenfalls erst mal ein Fläschchen Wein aus dem Keller holen, ein Kerzlein anzünden und mich mit „Income and Output“ – dem ersten Kapitel – beschäftigen. Eine Befürchtung muss ich aber hier vorher noch loswerden: Es könnte gut sein, dass es dem Buch so geht wie der Occupy-Bewegung – und wenn ich dann endlich nach 685 Seiten eine Meinung über r > g (und die daraus zu ziehenden Konsequenzen) habe, dann wird zwar diesmal nicht mehr das letzte Zelt geräumt, dafür aber verramscht wahrscheinlich die Bundeszentrale für politische Bildung Pikettys Buch für lau. (Wie damals bei Graebers „Schulden“-Buch.) Aber: auch egal. (Muss nur endlich meine Lesegeschwindigkeit an die öffentliche Erregungskurve anpassen, wenn mich das Thema interessiert und ich an der Diskussion teilnehmen will.)

Nicht egal ist mir aber Folgendes: Ich glaube, dass Bücher wie das von Thomas Piketty uns für eine kurze Zeit den Schleier vor den realen Verhältnissen lüften können, mit denen wir uns bisher arrangiert haben. Und das mit den Mitteln der Wissenschaft. Hoffe ich zumindest. Je sachlicher das geschieht, desto besser. Gerade im Ökonomischen leben wir nämlich mit so vielen nur selten hinterfragten Glaubenssätzen, die uns gefangen halten: Da gibt’s ein „Trickle-Down“-Dogma, wegen dem wir akzeptieren, dass einige Menschen Millionen und Milliarden verdienen und sich andere nicht mit ihrem Vollzeitjob ernähren können. Da gibt es ein Geldschöpfung- und Bankensystem, das kaum einer zu hinterfragen wagt, obwohl seine Instabilität und gesellschaftlichen Kosten inzwischen mehr als deutlich wurden. Und es gibt ein Zwangsbekenntnis zu einem Wachstumspostulat, das keiner, der sich diesen Planeten nüchtern anschaut, wirklich unterschreiben kann. Kritik daran gibt es zwar häufiger, aber meist kann man wegen des Schaums vor dem Mund der Neoliberalismus-, Banken-, Wachstums-Kritiker die Argumente nicht mehr verstehen.  (In der „Rindvieh-Ökonomie“ nenne ich diese leidenschaftlichen Kritiker die Ketzer und Flagellanten unseres Wirtschaftssystems; die Verteilungsdebatte beginnt bei mir übrigens mit einem Ziegenbraten…)

Ich gebe es zu: Ich bin die „Böse-Gier“-Diskutanten und „Wir-brauchen-wieder-Werte“-Prediger satt. Bitte keine Values mehr! Von Piketty erhoffe ich mir dagegen vor allem: trockene Logik und belastbare historische Daten über die systemimmanente Ungleichheit. Über die Konsequenzen aus dem enttarnten Verteilungsarrangement können wir uns dann gern eigene Gedanken machen.

Ach ja, eigene Gedanken: die Überschrift hier – „Pikettys ‚Capital‘ in nur 5 Minuten verstehen“ – war natürlich ein fieser Trick, um dich, lieben Leser, hier her zu locken. Sorry. Hab leider kein Capital-Häppchen, muss das Ding ja selber erst verdauen. Also, bitte nicht böse sein: Weinflasche köpfen und selber lesen!

 

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Im Schatten der Keule – Teil 1 der kleinen Bitcoin-Serie

Im Schatten der Keule – Teil 1 der kleinen Bitcoin-Serie

Es gibt sicher Sinnvolleres, als noch einen Text über Bitcoins zu schreiben, aber gestern ist mein Handy auf den Fliesenboden gekracht und das Display sieht jetzt aus wie die Werbung für ein Splatter-Movie. Immer wenn ich jetzt telefonieren muss, habe ich danach kleine fiese Glaskrümmel auf den Fingerkuppen. Und wenn ich irgendwelche blöden Tweets wegwischen will oder nur meine Kontaktliste herunterscrollen möchte, mach ich mir dabei fast in die Hosen.
Ich habe mich deshalb zum Kauf eines neuen mobilen Endgeräts entschieden und zur fachkundigen Entsorgung des Altgerätes. Es gibt da nur ein Problem – und jetzt kommen wir zum Thema dieser kleinen Serie: Auf meinem alten Handy schlummert noch ein Zehntel Bitcoin, oder in der offiziellen Schreibweise: 0,1 BTC. Das hätte mich vor einem Jahr, na ja, nicht so richtig gewurmt. Aber im Moment wären das (Stand 3.12.2013) rund 80 Euro, die ich so mit in den Recycling-Müll stecken würde. Möglicherweise schmeiße ich sogar die Chance auf eine kleines Vermögen weg. Ich wäre da ja nicht der erste.

Also habe ich mich entschieden, mein Handy so lange zu nutzen, bis mein Bitcoin-Vermögen auf ein Medium mit höherer Lebenserwartung übertragen ist. Das kann aber aus verschiedenen Gründen noch etwas dauern. (Für die Insider: Ich habe meinen Bitcoin-Client gefühlt nicht mehr seit dem 1. Punischen Krieg mit dem Bitcoin-Netzwerk synchronisiert. Was dazu führt, dasss mein altes Handy voraussichtlich noch ein paar Stunden/Tage (/Wochen?) in Betrieb bleiben muss. Solange bis ich sicher bin, dass kein Krümel Bitcoin mehr auf dem Altgerät ist.)

Während also mein Handyschrott vor mir auf dem Schreibtisch mühsam die Bitcoin-Transaktionsgeschichte der vergangenen Monate verinnerlicht („Synchronisation blockiert, hinkt 25 Wochen hinterher“), nutze ich die Zeit für ein paar grundsätzlichere Überlegungen. Solange bis ich die Kohle eben gerettet habe.

Beim Thema Bitcoins bin ich bisher auf folgende Meinungen gestoßen:

  1. „Bittkeuns – hä?“ (immer noch die Mehrheitsmeinung)
  2. „Geil!“ (Vertreter dieser Haltung sind meist männlich, zwischen 20 und 30, und sprechen als zweite Fremdsprache meist Java oder C++)
  3. „Geil! Endlich Freiheit von der Knechtschaft durch Zentralbanken und Finanzmafia und Inflationspolitikern!“ (Vertreter dieser Haltung sind meist männlich, zwischen 30 und 50, und sprechen als zweite Fremdsprache meist ein stark von der (neueren) österreichischen Ökonomen-Schule beeinflusstes Idiom)
  4. „Ist das nicht irgendwie gefährlich?!“ (Vertreter dieser Haltung schauen auch Fernsehtalkshows an und haben noch eine Tageszeitung abonniert, wählen irgendwas zwischen Schwarzrotgrün und kaufen sowohl bei Lidl als auch auf dem Biomarkt)
  5. „Das ist gefährlich, wir müssen das beobachten.“ (Vertreter dieser Position arbeiten sehr wahrscheinlich beim Bundeskriminalamt oder beim Verbraucherschutz)
  6. „Kinderkram / Freakwährung / Schwachsinn.“ (inzwischen Minderheitsmeinung)
  7. „Früher Tulpen, heute eben dieses Zeug. Nichts als Blasen, Blasen, Blasen“ (sehr wahrscheinlich W3-Professor kurz vor der Emeritierung)
  8. „The small bull case scenario is a $400 billion market cap.“ (Cameron und Tyler Winklevoss, Bitcoin-Großinvestoren)

Und der Vollständigkeit wegen und weil es wahrscheinlich die Denke vieler Ich-spiel-mal-ein-bisschen-Bitcoin-Spekulanten trifft, hier noch – 9. – meine eigene Haltung vom 16.11.2012: „Ich horte lieber meine wenigen Bitcoins – mehr als Wettschein auf ein Experiment mit ungewissem Ausgang denn als Hedge gegen den monetären Weltuntergang. Das Zeug auf meinem Handy wird wahrscheinlich schlicht noch wertvoller.“ (FTD vom 16.11.2012)

Das Zeug ist tatsächlich wertvoller geworden. Und das ist noch eine Untertreibung:

Jetzt könnte ich mich ja freuen, dass ich damals ein glückliches Händchen beim Wetten hatte. Tu‘ ich auch. Aber dann hört es schon auf mit der Freude. Denn Bitcoins und ihre zahlreichen Nachahmer-Währungen machen unsere Welt nicht besser: Sie sind nicht das, was sie versprechen. Sie sind eine Lösung für ein Problem, das es nicht gibt oder das zumindest nicht unser wichtigstes ist („Hyperinflation“ zum Beispiel). Und sie bringen Probleme, die der Lösung unserer eigentlichen Probleme irgendwann gewaltig im Weg stehen könnten. Mehr dazu in Teil 2

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Die zehn sichersten Jobs der Zukunft, oder so ähnlich

Ich weiß schon: Dass uns die Arbeit wegen des technischen Fortschritts irgendwann ausgehen könnte, ist jetzt erstens kein neuer Gedanke und zweitens oft genug als Irrtum entlarvt worden. Aber es könnte ja sein, dass diesmal die Lage etwas anders ist. Es wird jedenfalls höchste Zeit, dass wir uns ernsthaft darüber Gedanken machen, wie ein Wirtschaftssystem aussieht, in der menschliche Arbeit immer überflüssiger wird. Welchen Sinn unser Glaubensdogma dann noch macht, dass wir unseren Lebensunterhalt immer verdienen müssen. Und was das für die Verteilung des volkswirtschaftlichen Bratens bedeutet…

Wer die erhellende Studie der Oxford Martin School zu diesem Thema übrigens bis zum Ende liest, findet dort eine Liste von Berufen und die Wahrscheinlichkeit, mit der sie von der „Computerisation“ betroffen sind. Hier die wahrscheinlich zehn sichersten, weil nur schwer „computerisierbaren“ Jobs der Zukunft:

  1. Freizeit-Therapeut
  2. Aufseher für Mechaniker, Installateure und Reparateure
  3. Notfall-Manager
  4. Sozialarbeiter für Menschen mit psychischen Problemen oder für Drogenabhängige
  5. Ohrenarzt
  6. Ergotherapeut
  7. Orthopädietechniker
  8. Medizinischer Sozialarbeiter
  9. Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg
  10. Aufseher für Brandbekämpfung und Brandverhütung

Eher durch Maschinen ersetzt werden können dagegen zum Beispiel Tierzüchter (Wahrscheinlichkeit 95 Prozent), Restaurantköche (96 Prozent) und -YESSSSS!!! – Immobilienmakler (Wahrscheinlichkeit 97 Prozent).

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